Nachhaltig Investieren ist nicht nur Mode, sondern längst Trend
Integration ökologischer, sozialer und ethischer Kriterien in den Investmentprozess ist ökonomisch Erfolg versprechend – Günstig für Risiko und Ertrag
Von Thomas Kabisch *)
Wer heute in die Zeitungen blickt, mag den Klimawandel und die Beschäftigung damit für eine Mode halten. Dabei ist das Thema keineswegs neu. Die Münchener Rück hat bereits 1974 begonnen, den Klimawandel von den Ursachen bis zu den Auswirkungen systematisch zu erforschen – mehr als drei Jahrzehnte, bevor er in den Fokus des öffentlichen Interesses rückte. Heute sind die Forschungsaktivitäten im Kompetenzzentrum Geo-Risiko-Forschung gebündelt.
Was inzwischen als Nachhaltigkeit in aller Munde ist, spielte in den Überlegungen der Experten von Anfang an eine bedeutende Rolle – die Vorstellung, ein natürliches System so zu nutzen, dass es in seinen wesentlichen Charakteristika langfristig erhalten bleibt. Diese Sichtweise gewinnt auch im Investmentbereich immer mehr Anhänger. Man kann also sagen: Klimaschutz und Nachhaltigkeit – beides Mode, aber auch Trend im Asset Management, und das zu Recht.
Postulat der Nachhaltigkeit
Übertragen auf die Kapitalanlage meint Nachhaltigkeit, ein zur Verfügung stehendes Ausgangsvermögen zu erhalten und daraus möglichst gleichmäßig hohe Erträge zu erwirtschaften. Das Konzept scheint für die Anlageerfordernisse der Versicherungswirtschaft geradezu maßgeschneidert. Institutionelle Anleger der Versicherungswirtschaft sind am Anlagevermögen gemessen in erster Linie die Lebensversicherer. Ein ähnliches Geschäftsmodell haben Pensionskassen, Versorgungswerke und Zusatzversorgungskassen, die das Geld der Versicherten so anlegen, dass die Anforderungen an einen Mindestzins eingehalten werden. Dabei variiert je nach Versicherungsprodukt der mindestens versprochene bzw. in Aussicht gestellte prognostizierte Zins. Bei der kapitalgedeckten Versicherung ist eine Mindestverzinsung pro Jahr für alle eingezahlten Beträge festgeschrieben. Allen diesen institutionellen Anlegern ist gemein, dass der Werterhalt der anvertrauten Vermögen eine sehr hohe Priorität einnimmt. Für sich genommen ist das freilich noch kein ehrgeiziges Ziel für das Kapitalanlagemanagement – dazu wird es erst, wenn ambitionierte Zielrenditen formuliert werden.
Anlageziele
Eine möglichst hohe Verzinsung unter Berücksichtigung des Kapitalerhalts, so würden wohl auch Stiftungen, eine zunehmend bedeutender werdende Gruppe von institutionellen Anlegern, ihr Anlageziel grob umreißen. Auch mit Blick auf die laufenden Erträge sind die Interessen ähnlich gelagert. Versicherungen brauchen diese, um ihre laufenden Verbindlichkeiten aus den Versicherungsverträgen zu bedienen. Sie werden deswegen auch verbindlichkeitsorientierte Anleger genannt. Stiftungen dagegen brauchen laufende Erträge, um damit ihrem Stiftungszweck nachzukommen, zum Beispiel, um bestimmte Projekte zu fördern. Daneben dienen die ordentlichen Erträge dazu, um die laufenden Kosten zu decken und Reserven zu bilden. Ein hohes Augenmerk liegt darauf, möglichst konstante Erträge zu erzielen, um Schwankungen bei den Ausschüttungen zu vermeiden. Auch wenn Stiftungen im strengen Sinn nicht verbindlichkeitsorientiert in ihrem Anlegerverhalten sind, so verpflichtet sie doch ihr Stiftungszweck zu einer möglichst gleichmäßigen Bereitstellung von Geldern.
Risiken minimieren
Das nachhaltige Investieren folgt ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien. Die Zielrichtung ist aber nicht in erster Linie, ein gutes Gewissen beim Investor zu erzeugen, sondern Risiken zu minimieren, also knallhartes ökonomisches Kalkül. Ökologisch verträgliches Handeln minimiert Risiken, senkt Kosten und fördert eine nachhaltig positive Entwicklung. Ein Beispiel dafür ist der sparsame Umgang mit Energie und Ressourcen. Die ökonomischen Kriterien sprechen hier fast schon für sich. Ein funktionierendes Risikomanagement sichert die Finanzkraft eines Unternehmens in der Krise. Soziale Kriterien erhalten die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter und steigern die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Nachhaltige Investitionskriterien dienen dazu, profitable Unternehmensstrategien zu identifizieren, mit denen keine unkalkulierbaren Risiken eingegangen werden und die deshalb auf Dauer erfolgreich durchgehalten werden können.
Geringere Volatilität
Der Erfolg für den Investor sind eine geringere Volatilität in der Wertentwicklung und ein steilerer Wachstumspfad. Deshalb ist das nachhaltige Investieren im Asset Management für Versicherungsunternehmen und darüber hinaus nicht nur eine Mode, sondern längst schon ein nachhaltiger Trend. Diese Erkenntnis hat sich natürlich auch bei den um Investoren werbenden Unternehmen herumgesprochen, die doppelt profitieren. Nachhaltige Geschäftsstrategien sind nicht nur für sich genommen erfolgreicher, sie machen ein börsennotiertes Unternehmen auch attraktiver für Investoren. Das nutzt dem Aktienkurs gleich doppelt.
Mit Maß und Ziel
Ein näherer Blick auf das Rendite-Risiko-Profil nachhaltiger Kapitalanlagen soll den Vorteil verdeutlichen. Abbildung 1 zeigt die indexierten Kursverläufe des Naturaktienindex, des Dow Jones Sustainability Index ex All, des MEAG Nachhaltigkeit und des MSCI World. Der Naturaktienindex bildet eine strenge Auswahl an internationalen, salopp gesprochen, "grünen" Unternehmen mit überwiegend geringer Marktkapitalisierung ab. Der Dow Jones Sustainability Index ex All ist ein breiter internationaler Nachhaltigkeitsindex nach dem Best-in-Class-Prinzip, der bestimmte Ausschlusskriterien anwendet. Der MEAG Nachhaltigkeit ist ein Beispiel für einen Aktienfonds, der dem Investor bessere Anlageergebnisse bieten will als der Dow Jones Sustainability Index ex All. Und schließlich der MSCI World: ein marktbreiter weltweiter Aktienindex, an dem sich die meisten global investierenden Anleger orientieren. Der Blick auf die Grafik zeigt, dass der Naturaktienindex über die letzten vier Jahre offenbar am besten abgeschnitten hat. Es folgen der MEAG Nachhaltigkeit, der Dow Jones Sustainability Index ex All und der MSCI World. Die Grafik berücksichtigt allein die Wertentwicklung. Aber wie sieht es mit dem Risiko aus? Die Markowitz-Analyse zeigt, dass ausgehend vom marktbreiten MSCI World der Dow Jones Sustainability Index ex All besser abschneidet, das heißt dem Investor eine höhere Rendite bei geringerem Risiko bietet. Der MEAG Nachhaltigkeit als Vertreter eines investierbaren Portfolios übertrifft ihn noch einmal deutlich mit mehr Rendite und mehr Sicherheit. Dagegen bietet der Naturaktienindex zwar mehr Rendite, aber nicht mehr Sicherheit, sondern – im Gegenteil – mehr Risiko. Zudem ist die Investierbarkeit aufgrund der niedrigen kumulierten Marktkapitalisierung und geringen Liquidität für institutionelle Anleger eingeschränkt.
Doppelter Vorteil
Abbildung 2 vermittelt eine weitere Erkenntnis. Die dargestellte Kurve verbindet unterschiedliche Kombinationen oder Mischungsverhältnisse zwischen dem Naturaktienindex und dem MSCI World Index. Ausgehend von dem Dreieck, das ein reines Dow Jones Sustainability Index ex All-Portfolio kennzeichnet, wird zunächst mit einer sukzessiven Beimischung des Naturaktienindex-Portfolios ein doppelter Vorteil erzielt: mehr Rendite und mehr Sicherheit. Aber nicht beliebig, denn oberhalb des äußersten linken Ortes der Kurve (varianzminimales Portfolio) kann mehr Rendite nur mit weniger Sicherheit erkauft werden. Das Fondsmanagement des MEAG Nachhaltigkeit macht sich diese Analyse zunutze. Ausgehend vom Dow Jones Sustainability Index ex All wird ein sogenanntes "Innovatorenportfolio" – kleine, besonders nachhaltig agierende Unternehmen, in mancher Hinsicht ähnlich den Werten aus dem Naturaktienindex – beigemischt. Das Ergebnis ist eindeutig besser als das Anlageergebnis aus dem Dow Jones Sustainability Index ex All. Wichtig ist festzuhalten, dass Nachhaltigkeit bis zu einem gewissen Grad einen doppelten Vorteil bringt: mehr Rendite und mehr Sicherheit.
Auf Innovationen setzen
Wie soll sich der Anleger nun entscheiden? Nachhaltigkeit oder Klimaschutz?
Bereits Abbildung 2 weist darauf hin, dass eine Mischung aus beidem das Rennen machen könnte. Mit Blick auf das Rendite-Risiko-Profil dürfte ein Investment, das den Dow Jones Sustainability Index ex All abbildet, das konservativere Investment sein. Wer für eine erwartete höhere Rendite mehr Risiken in Kauf zu nehmen bereit ist, wird ein auf kleinere und mittlere Werte spezialisiertes Innovatorenportfolio beimischen – siehe das Beispiel des MEAG Nachhaltigkeit. Im Vergleich dazu dürfte das Portfolio eines Klimafonds ähnliche Eigenschaften wie das eines Innovatorenportfolios aufweisen. Demnach könnte der Anleger entsprechend seiner Rendite-Risiko-Präferenz aktiv Rendite gegen Risiko tauschen, um ein seinen Bedürfnissen entsprechendes besseres Portfolio zu erreichen.
Zu berücksichtigen ist allerdings, dass Klimafonds nicht nur auf langfristige und nachhaltige Trends setzen, sondern auch auf Innovationen. In einem Wettbewerb um Innovationen können Gewinner und Verlierer schnell wechseln mit zum Teil erheblichen Risiken für den Anleger.
Zudem sind die Gewinner der Klimaerwärmung meist kleinere, stark spezialisierte Unternehmen, die auch in dieser Hinsicht höhere Risiken aufweisen. Klimafonds sind also weniger geeignet für Anleger, die einen stetigen Ertrag bei geringem Risiko anstreben, sondern für diejenigen gedacht, die aktiv auf zukunftsweisende Innovationen setzen möchten. Auch Klimafonds diversifizieren Risiken, doch das Hauptaugenmerk liegt auf der Chancennutzung. Deswegen eignen sie sich besonders zur Beimischung, weniger zur Strukturierung des Gesamtportfolios.
Anlagethema der Zukunft
Nachhaltige Investitionskriterien sind für institutionelle Anleger aus der Versicherungswirtschaft besonders geeignet. Die Münchener-Rück-Gruppe hat die Vorteile nachhaltiger Investments bereits früh erkannt und daher Nachhaltigkeit als über alle Ebenen des Anlagemanagements gültig definiert. So war die Münchener Rück an der Entwicklung der "Principles for Responsible Investment" der Vereinten Nationen beteiligt, die am 27. April 2006 an der New Yorker Börse präsentiert wurden. Sie gehörte als erstes Unternehmen in Deutschland zu den weltweiten Erstunterzeichnern. Als Asset Manager der Münchener-Rück-Gruppe beachten wir bei der MEAG diese Prinzipien bei allen strategischen und taktischen Anlageentscheidungen sowie – in einem weiteren Schritt – bei den einzelnen Kauf- und Verkaufsentscheidungen. Mindestens 80 % des Aktien- und Unternehmensanleihenportfolios werden nachhaltig investiert. Bei Staatsanleihen berücksichtigen wir Nachhaltigkeitsaspekte über ein selbst entwickeltes Ratingsystem.
Von Chancen profitieren
Das Thema Klimawandel liefert darüber hinaus wichtige Signale für die aktive Chancennutzung innerhalb langfristiger Trends. Experten gehen davon aus, dass der Klimawandel in absehbarer Zeit nur noch gebremst, nicht aber aufgehalten werden kann. Unternehmen, die sich den Herausforderungen des Klimawandels stellen, die also schnell und konsequent die richtigen Schlüsse gezogen haben oder noch ziehen, profitieren von den Chancen – und mit ihnen auch ihre Eigentümer.
Ein Beispiel ist die welivit new energy<GmbH als Tochterunternehmen der KarstadtQuelle Versicherungen, die mehrheitlich zur Münchener-Rück-Tochter ERGO gehört. Ihre Aufgabe ist es, Investitionen aus der Versicherungswirtschaft in Projekten wie etwa Solarparks zu platzieren, die nachhaltiges Handeln mit einer Investition verbinden, die den strengen Sicherheits- und Renditeanforderungen deutscher Versicherungsunternehmen genügt. Das Gesamtportfolio großer Versicherer bietet also hinreichend Platz für innovative Investmentideen in einem streng risikokontrollierten Investmentprozess. Die Entscheidung, nachhaltige Investments klassischen vorzuziehen, ist dabei nicht nur eine Frage der Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil: Die Integration ökologischer, sozialer und ethischer Kriterien in den Investmentprozess ist auch ökonomisch Erfolg versprechend, denn sie wirkt sich günstig auf Risiko und Ertrag aus.
*) Dr. Thomas Kabisch ist Vorsitzender der Geschäftsführung der MEAG
Munich Ergo Asset Management
Der Artikel ist ursprünglich in der Börsen-Zeitung vom 10.11.2007 (Ausgabe 217, Seite B16) erschienen.